Bioland

Wer genauer wissen möchte, warum ich mich von Anfang an entschieden habe, in einem Anbauverband zu arbeiten, lese hier weiter. Das Thema wird von verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Und es beginnt in der jüngeren Zeitgeschichte:

‚Organic is common sense‘ hieß es Mitte der 80 Jahre in England, genauer in Wales, dem alternativen ‚hotspot‘ der britischen Inseln. Hier begann ich meine Ausbildung zum Gärtner, hier entdeckte ich die Begeisterung für Kräuter, hier sah es danach aus, mit dem Grünen Beruf eine sinnstiftende Arbeit und eine politisches statement, kurz: eine grüne Gesinnung verbinden zu können.

Nach Stationen im demeter und Bioland Gemüsebau, im Bioladen und Naturkost- Großhandel landete ich schließlich an der FH Osnabrück, wo ich mir an den Mühlen des Apparates im „Kampf“ um einen „Studiengang Ökologischer Gartenbau“ (und an den Logarithmen des Physikprofessors) „die Zähne“ ausbiss. Bis ich in beiden Disziplinen das Handtuch warf: Nicht gänzlich erfolglos, aber doch weit von dem Erfolg entfernt, der nötig gewesen wäre, mit Motivation weiter zu machen (und „den Schein“ doch noch zu bekommen).

Perspektiven bot schließlich die Meisterschule in Hannover. Deren Staudenklasse adoptierte auch „Randsortimenter“, denn ein solcher ist man als Kräutergärtner unter lauter „Blumen-Krautern“. Rechts und links gestandene Staudengärtner, denen ich kaum mehr anzubieten hatte als Kräuter(stauden)begeisterung – und den Blick auf einen Garten als biologisches Kreislauf-System. Doch der Tauschhandel funktionierte… Nun könnte man denken, Staudengärtner mit ihrem Mutterpflanzen- Acker und der gedanklichen Nähe zu Lebensbereichen, Bodenarten, Wuchstypen und Pflanzenvergesellschaftungen seien biologischer als mancher Biologe. Aber sie sind auch und vor allem wirtschaftende Produzenten und sahen sich damals – Anfang der 90er – erstmals mit der Konkurrenz von „Stauden aus Zierpflanzer-Hand“ konfrontiert. Denn für klassische „Blumen“ gab es nach 1989 eine europaweit schnell wachsende Überproduktion.

Zierpflanzengärtner suchten also nach alternativen Kulturen – allerdings im Rahmen ihrer vertrauten und gut beherrschten Kultur- Planung und in vorhandenen, oft sehr teuer gebauten Kultur- Einrichtungen: Stauden, traditionelle Freiland-Pflanzen, wuchsen fortan häufig unter Glas und Folie heran, wurden blühend, häufig deutlich vor ihrem angestammten Blühtermin, in die Gartencenter geliefert und so zur ernsthaften Konkurrenz der Sommerblumen. Ganz gleich ob Primel, Veilchen oder Phlox: viele Kollegen waren (und sind) stolz auf das makellos perfekte Äußere ihrer Pflanzen. Das färbt von Zierpflanzern nicht selten auf Staudengärtner ab. Hierfür wurde und wird viel Technik und nicht wenig Pflanzenschutz eingesetzt…

Hier deutet sich ein Dilemma des ökologischen Zierpflanzenbaus an:

Nachhaltig wäre eine Bepflanzung mit ausdauernden (Wild-)stauden – aber das allein als legitim anzusehen, würde dem traditionellen Gartenbau die Daseinsberechtigung aberkennen nach dem Motto: „Die produzieren ja doch nur Wegwerf-Pflanzen“. So gesehen wäre jeder Blumenstrauß ein ökologischer Fauxpas…  Zumindest jeder konventionell angebaute.

Darum kann es nicht gehen. Worum dann?

Ich plädiere für einen deutlich ökologischeren Zierpflanzenbau. Mit mehr Schnittblumen, mehr Beet- & Balkonpflanzen, mehr Kräutern, Stauden und auch Gehölzen aus zertifizierter Öko- Kultur – mit einem deutlichen Fokus auf langlebigeren Pflanzen. Höhere Preise würden einer Wegwerfmentalität auf Kunden- wie auf Produzentenseite entgegenstehen. Und ich plädiere für mehr Gartenbildung, damit neu heran- wachsende Kundschaft nicht vergisst, wann ein Phlox zu blühen hat, wann man einen Apfelbaum pflanzt und welchen Boden er braucht. Es ist wie mit der Demokratie: je mehr Zugang zu Bildung ermöglicht wird, desto mehr machen Menschen sich ein eigenes Bild von der Welt.

Und zur Welt gehört für mich auch der Garten.

Herbert Vinken